Dann verstehe ich jetzt, nur 30 Jahre nach der Lektüre, warum ich Woyzeck soviel lebensnaher als Goethe und Co. empfunden habe. Auch habe ich lieber Baal und die Dreigroschenoper gelesen, weil mir der ganze andere Kram zu positivistisch daher kam.
Erst Bourdieu hat mir geholfen zu ordnen, was vorher unsortiert linksdriftendes Gefühls- und Gedankengut war: Ohne Kapitalien (soziale, ökonomische, kulturelle und symbolische) findet kaum gesellschaftliche Teilhabe statt. Ohne die bildet sich nur ein milieuspezifischer Habitus, der - zusammen mit dem Mangel an Kapitalien - oft den Zugang zu anderen, "höheren" Milieus verschließt.
Mag sein, dass jede*r seines Glückes Schmied ist, aber die Materialien, aus denen wir unsere Werkstücke fertigen können unterscheiden sich ganz kräftig voneinander. Ausgangslagen hatten weder der Idealismus, noch die lange Zeit durch eine Mittelschichtzentrierung geprägte Soziologie, Psychologie oder Pädagogik im Blick.
Wie schön, Pierre Bordieu, ein großartiger Mensch.
Er hat auch etwas Marx Schriften/Thesen konkretisiert bzw. korrigiert, auch hinsichtlich des Marxchen "Lumpenproletariats" im 'Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte',
der Unterteilung des Prekariates in nützliche und unnützliche soziale Gruppen oder Milieus (im soziologischen Sinn). Diesbezüglich war Marx eher Sozialdarwinist as Humanist.
Bei Brecht denke ich auch immer an Max Frisch und dem Untertitel zu seinem 'Biedermann und die Brandstifter', ein Lehrstück ohne Lehre.